In girum imus nocte et consumimur igni

Derzeitiger Stand der Wissenschaft ist meines Wissens, dass unser aller physisches Umfeld – und somit auch unsere eigenen Körper – letzten Endes Resultat eines „Urknalls“ ist. Mit diesem Ereignis starteten Bewegung, Zeit, Materie, Schwerkraft.

Am Ende „unseres“ Sonnensystemes wird nach gängiger Theorie das Implodieren der Sonne stehen, ihr Verglühen in einer Supernova, am Ende des Universums das Verschwinden aller Galaxien in einem schwarzen Loch.

Das bedeutet dann das Ende jeder Bewegung – und damit jeder Zeit.

Was sollte da Orientierung geben, bei dieser Erkenntnis unser aller Existenz als freier Fall zwischen Urknall und Supernova.

Ich hatte vor, mit meinen künstlerischen Mitteln zu untersuchen, inwieweit es einen Ort geben könnte, wo Sprache, Töne und Raumbildungen vermeintliche Orientierungszeichen geben. Durch das Fertigen von 24 Tondi – ein Verweis auf die Strukturierung des Tages in die 24 Stunden des Duodezimalsystems – habe ich mich einer Suche nach Orientierung zunächst malerisch genähert; mir schien die Kreisform angemessene Grundlage für ein Suchen nach Halt zu sein.

Diese Tondi spiegeln die Vorstellung wieder, Planeten und Umlaufbahnen als Kugeln und Kreise zu verstehen. Aber so wie die Planeten in Wirklichkeit keine Kugeln sind, sondern meistens von der Fliehkraft in die Breite gedrückte Linsen, deren Drehachse nicht stabil ist, so sind auch die Umlaufbahnen weitläufige Elipsen. Und auch die handgemachten Tondi haben solche Unregelmäßigkeiten und Ungenauigkeiten, werden aber als Kreise wahrgenommen, weil unser Bewußtsein sich nach geordneten Formen und Strukturen sehnt.

Im Anschluss habe ich diese Gemälde digitalisiert, zunächst „in ein schwarzes NICHTS“ und danach in unterschiedlich schnelle Drehbewegungen gesetzt.

Der so entstandenen Arbeit über unser aller freien Fall durch Raum und Zeit fehlte meiner Ansicht nach allerdings ein weiteres sinnliches Element: im All mag es aufgrund fehlender Athmosphäre keine Schallwellen geben, uns Menschen sind sie aber ununterbrochen erspürbar. Deshalb habe ich die sich drehenden Tondi mit einer Tonaufnahme aus der dänischen Jammerbucht hinterlegt.

Bei derzeitigem Stand dieser Arbeit bin ich bisher zu dem Schluss gekommen, dass in einer anscheinend als beschleunigt, überbordend und überfordernd empfundenen Moderne jedes Suchen nach Orientierung, Halt, nach Leitlinien, nach Führung möglicherweise nichts Anderes ist, als ein (vielleicht kindisches) Verweigern der Einsicht, dass dem freien Fall durch Raum und Zeit nicht anders zu begegnen sei, als dieses freie Fallen anzunehmen als das Geschenk, das es ist:

UNSER LEBEN.

Jeder Halt, jede Bewertung, jedes gesetzte Orientierungszeichen, jede Leitlinie sollte also möglicherweise am ehesten dem Umstand folgen, dass alles endlich ist und man deshalb wohl schlichtweg nur das schiere Dasein geniessen sollte.

Möglicherweise hilft ja beim Annehmen dieser Erkenntnis der unerwartet christliche Aphorismus 589 von Friedrich Nietzsche:
„Das beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen eine Freude machen könne.“
(Quelle: Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 1, 709.
Permalink: http://wwwc.zeno.org/nid/200092 )

Diesen Nietzsch’schen Leitsatz im Sinn, gilt es, in einem zukünftigen Teil dieser Arbeit zu evaluieren, inwieweit der Halt, den man beim freien Fall durch Raum und Zeit nicht in der materiellen Welt wird finden können, möglicherweise im Bereich des ideellen Miteinanders in der Welt der Künste existieren könnte.

„Wenn Dich kein Rollator hält, hake Dich beim Gegenüber ein!“
(Quelle: Mauro Contarini, n. Hörensagen am 10.12.2021)

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